Auseinandersetzung

Darüber, daß die grundsätzlichen Themen des Lebens wie Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr aufgrund gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen einer neuen Definition und Interpretation bedürfen, herrscht allgemeiner Konsens. Neuartige Kommunikationsformen, erhöhte Mobilität, vielfältige Arbeitsmöglichkeiten, abnehmender Ortsbezug bei gleichzeitig zunehmender individueller Unabhängigkeit sowie ein weitreichendes Freizeitangebot verändern unsere Lebensbedingungen und damit unsere Lebensbedürfnisse, die sich nicht zuletzt in dem von uns gewähltem und gestaltetem Wohnumfeld widerspiegeln. Was bedeutet Wohnen in Zukunft? Wie sieht eine entsprechende Kultur aus? Die tatsächlichen Nutzungen einer Wohnung sind in der Lebensgestaltung vieler Menschen häufig auf elementare Funktionen reduzierbar. So dient vielen Menschen ihre Wohnung nur noch als notwendiger "Schlafplatz", manchmal noch als Ort des "Abschaltens" mittels visueller und akustischer Hilfsmittel oder als "Workstation" mit einer infrastrukturell ausgebauten Kommunikations-schnittstelle zum Informationstransfer. Das Wohnen als solches - ohnehin schwer definierbar und in seiner Begrifflichkeit überholt - findet in Form von Leben in einer zunehmend breiteren Öffentlichkeit statt. Individuelle Freiräume und Auszeiten werden auf Reisen oder in technologisch unterstützten Naturerfahrungen (z.B. Biken, Skaten und Boarden) gefunden. Die Einsicht, daß nicht leicht verdientes Geld zu einem Großteil für Wohnen ausgegeben wird, welches dann gar nicht stattfindet, zumindest nicht in einer Wohnung im herkömmlichen Sinn, führt zu der Frage, wie sich die notwendigen elementaren Wohnfunktionen in einer angestrebten zunehmenden Öffentlichkeit integrieren lassen. Unser Ansatz besteht darin, nicht die Lebensgestaltung in eine überkommene Vorstellung von Wohnen zu pressen, sondern vielmehr und folgerichtig, ein dem Lebensstil angepaßtes und vor allem anpassbares, veränderbares Wohn zu entwickeln. Umsetzung Auf der Suche nach einem passendem Bild, das sowohl ein Dasein in zunehmender Öffentlichkeit sowie die Reduktion und Optimierung der unentbehrlich scheinenden elementaren Minimalfunktionen des Wohnens versinnbildlicht, sind wir auf eine Situation innerhalb der City von Darmstadt gestoßen, die unsere Vorstellungen eines zukünftigen Wohnens, geradezu ideal, metaphorisch zu übersetzen in der Lage ist. Innerhalb der seit Jahren vernachlässigten Unterführung Schützenstraße, haben wir in 6 Schaukästen der Stadt mit den Abmessungen von 2,90x0,90x1,50 Metern eine Wohnsituation eingebaut, die ein mögliches zukünftiges Wohnen beschreibt, exemplarisch nachweist und sich mit folgenden Funktionen repräsentiert : Arbeiten - Waschen - Schlafen - Abstellen - Abschalten - Essen Die Schnittstelle zur Öffentlichkeit wird über die Fußgängerebene der Unterführung gebildet. Diele und öffentlicher Raum verschmelzen zu einem gemeinsamen. Die Zuordnung zu dem einen oder anderem obliegt dem Betrachter. Die Einbauten bilden mit den bestehenden Schaukästen eine Einheit. Jeder Kasten besteht aus einer funktionsbestimmenden Basiseinrichtung und ist darüber hinaus mit Symbolträgern bestückt, die auf subversiv humorvoller oder subtil kritischer Ebene in der Lage sind, auf unterschiedliche Aspekte des Lebens hinzuweisen. So kann die serielle Mülltrennung in der Küche als Verweis auf eine Verwandlung von der Wegwerfgesellschaft zur Recyclinggesellschaft gesehen werden. Die Schaukästen selbst können auf den Dialog von Exhibitionismus und Voyeurismus verweisen. Fisch und Brot kann als Verweis auf den hartnäckigen Bedarf an einen Glauben (welchen auch immer) verstanden werden. Die Interpretation des Globus als Zeichen weltweiter Vernetzung ist offensichtlich. Unser Vorhaben konzentriert sich bewußt darauf, eine interpretatorisch offene Situation zu schaffen, die über minimiertes Wohnen sowie über ein in Veränderung begriffenes Gesellschaftsbild nachdenken läßt.